Sonntag, Oktober 01, 2006

Medienmacht und Manipulation

Erst mal vielen Dank für Deinen Beitrag Quickie (siehe hier). Ich erlaube mir allerdings eine Replik auf ein Zitat von Dir, so dass vielleicht klarer wird, was ich mit Manipulation durch Sprache meine:

"Wie sehr allerdings diese Manipulation in unserer heutigen eher kritischen Mediennutzung funktioniert weiss ich nicht. Es wird wohl eher so sein, wie mit allen Medien: Man kann jemanden dazu bringen über etwas zu Denken, ihm aber nicht seine Meinung aufdrängen."

Das Problem ist eben, dass die Manipulation subtiler erfolgt als über konkrete Meinungen. In dem die Medien entscheiden, worüber überhaupt berichtet wird, beeinflussen sie unser Denken sehr wohl. Es gibt ja sehr viel Schreibens- und Denkenswertes, das Du in den Mainstream-Medien nie finden würdest.

Nebst den Themen liefern sie aber meist auch Erklärungsmuster, das heisst Problemdefinitionen, Lösungsvorschläge, Ursache-Wirkungs-Zuschreibungen und und und. Diese werden meist als Fakten behandelt und noch nicht als verhandelbare Meinung. Dazu kommen Aussagen von "Experten", die oft genug wiederholt, plötzlich als Tatsachen dastehen (Beispiel: "Experte XY meint, Vogelgrippe wird durch Zugvögel übertragen" - Alternative: "Vogelgrippe wird durch Hühner- und Zuchtindustrie längs der Handelswege übertragen" wurde nie erwähnt [nur einmal in der WoZ], obwohl die Evidenzen dort viel grösser wären [Vogelgrippe hat sich entlang der Handelswege verbreitet, Zugvögel könnten auch nur Kollateralschäden sein]).

Andererseits - und da sind wir bei der Sprache - geht es um Begriffsdefinitionen wie "(Wirtschafts-)Wachstum", oder "Asylmissbrauch", "Arbeitsmarkt", ..., die mit Wertungen konnotiert sind, ohne dass a) der Begriff b) die jeweilige Annahme, die hinter der Wertung steckt, nochmals diskutiert wird. "Wachstum" ist gut, muss sein, das weiss jeder, selbst wenn die meisten nicht wissen was Wachstum genau heisst, und wieso es gut sein soll. Die Fragen nach dem "Was ist überhaupt Wachstum? Wie wird es gemessen? Was bringt es dem Einzelnen? Kann man den ewig weiter wachsen?" werden gar nie mehr gestellt.

Auch der Begriff "Arbeitsmarkt" hat das System der Marktwirtschaft schon völlig verinnerlicht. Es ist gar nicht anders denkbar, als dass man seine Arbeit zu "Marktpreisen" (Konnotation: Markt=gut=fair=modern=effizient) her gibt. Der Markt definiert den Lohn, auch wenn das heisst, dass die Krankenschwester einen Hundertstel des Managers verdient. Wenns der Markt so will, machts wohl Sinn. Dass Märkte nur dann ideal funktionieren können, wenn alle Marktteilnehmer gleich gut informiert sind, und dass das selten der Fall ist, erwähnt niemand, denn der Markt ist der MARKT und hat schon fast Gottesstatus.

Jedes (gesellschaftliche) Problem, über das wir sprechen, kann unterschiedlich angegangen werden. Bevor es überhaupt um Werte und Meinungen geht, muss erst klar sein, was man überhaupt diskutieren will. Was man benennen will. Was man damit meint. Was man lösen will, was nicht. Das geschieht aber nur in 0.1 Prozent der Fälle (bei ganz neuen Themen und in speziellen Foren). Die grosse Menge der Medienberichte stützt sich auf ein "Vorwissen" bzw. gängige Sprachregelungen und Begriffsverwendungen, Probleme und Themen, Meinungen und Aussagen, die sich in einem sehr engen Bereich bewegen. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum der "Normalbürger" links und rechts, bzw. die verschiedenen Parteien und Politiker gar nicht mehr auseinander halten kann.

Damit man miteinander über komplexe Dinge sprechen kann, muss viel (sprachliche) Vorarbeit geleistet werden. Es ist erstamal gar nicht so einfach, überhaupt vom selben zu sprechen. Die Lösung ist aber nicht, dass man bei allen Problemen einfach den Sprachregelungen von ein paar wenigen "Opinion Leaders" folgt, die sich meist untereinander schon angenähert haben. Ab und zu müssen Ideen, Konzepte, aber auch Wörter und ihre Bedeutung, wieder mal aus der Distanz angeschaut werden, bevor man sie braucht. Die Massenmedien beschränken sich aber meist aufs Wiederkäuen von bereits Gesagtem.

Noch ein kleines Beispiel: Die NZZ hat als eine der wenigen Zeitungen eine relativ klare und eigenständige Linie (sie entspricht zwar oft nicht meiner Meinung, aber sie hat wenigstens eine). Wenn man den Inland- oder den Wirtschaftsteil liest, merkt man oft, welche Konzepte und Ideen hinter ihrer Sprachverwendung stehen. Dies sind Dinge, die jeweils nicht mehr explizit erwähnt werden müssen. Ein NZZ-Leser weiss, mit welcher Brille die Artikel geschrieben werden. (Qualitativ gehören die Artikel zum Besten was die CH Medienlandschaft zu bieten hat, auch wenn man sich über die dominante Brille der liberalen Marktwirtschaft streiten kann).

Es geht tatsächlich um die Brille unserer Wahrnehmung. Die Brille die wir aufhaben, besteht zu einem grossen Teil aus unserer Sprache, unseren Konzepten, unseren Begriffen. Und wenn wir Medien konsumieren, dann schauen wir noch durch eine zusätzliche Brille (die des Journalisten), das kann unsere Sicht der Dinge enorm bereichern. Wenn aber alle Medien durch die selbe (oder sehr ähnliche) Brille schauen, dann wird es langweilig bis gefährlich. Ausser der WoZ, der NZZ und der Weltwoche machen das ziemlich alle Schweizer Medien. Leider beschränkt sich letztere darauf, hauptsächlich "immer alles anders" zu sehen, oft leidet dann die Qualität des Inhalts unter dieser Polemik. Naja, das wär dann ein anderes Thema.